Hailstorm über Truk Lagoon

von Hans-Peter Schmid
 
 
 
 

Im Januar 1944 planten die Joint Chiefs of Staff des American High Commands einen Angriff auf Truk, welches der japanischen Marine als Stützpunkt im Pazifik diente. Dabei wurden ca. vierzig Schiffe versenkt. Heute ist Truk ein Reiseziel für Sporttaucher und Wrackentusiasten. Dieser Bericht beschreibt die Eindrücke einer Reise zu einem der grössten Schiffsfriedhöfe der Welt.

Die Geschichte

Grafik7Es war der 17. Februar 1944, 04:30 morgens als sich der Bug der USS Enterprise in den Wind drehte und das Schiff langsam Fahrt aufnahm. Mit ihr drehten auch die Flugzeugträger Yorktown, Essex, Intrepid und Bunker Hill, wie in einem unwirklichen Ballett der Riesen, auf gleichen Kurs. Auf den Flugdecks dröhnten die Motoren der F6F Hellcat Jäger, TBF Avenger Torpedoflugzeugen und der SBD Dauntless Sturzkampfbomber, die sich nun, bis an ihre Traglastgrenze mit Bomben, Torpedos und Munition beladen, in kurzen Wellen in die Luft erhoben, um sich anschliessend, wie Stare vor dem grossen Flug in den Süden, über dem mächtigen Schiffskonvoi zu sammeln.
 
 

Grafik5Japan befand sich seit der verlorenen Schlacht bei Midway und dem Verlust der Solomon Inseln in der Defensive vor den anrückenden alliierten Truppen. Truk und Rabaul waren dem Kaiserreich als einzige wichtige Vorposten zum Schutz des Mutterlandes geblieben. Die Befestigungsanlagen auf Truk waren eher von rudimentärem Charakter, doch im Januar 1944 wurden zusätzlich 7500 japanische Truppen nach Truk beordert, um das Atoll weiter zu befestigen und so einer erwarteten Invasion alliierter Truppen entgegenzuwirken. Die fünf natürlichen Eingänge in die Lagune wurden vermint und mit Unterwassernetzen gegen feindliche U-Boote versehen. An den Stränden der grösseren Inseln wurden Strandbefestigungen und Minenfelder angelegt. Zu den schweren Küstenbatterien auf Moen, Tol und Uman kamen sechs weitere Batterien hinzu, welche die Laguneneingänge von Land aus schützen sollten. Zudem wurden weitere Fliegerabwehrstellungen errichtet. Anfang Februar 1944 glich Truk einem Igel, der seine Stacheln bedrohlich nach allen Richtungen dem Angreifer entgegenstreckt.

Am 10. Februar 1944 fotografierte ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug in der Lagune von Truk einen grossen Verband von Kriegsschiffen, die sich dort zu versorgen schienen. Analysen im Oberkommando in Hawaii ergaben, dass es sich dabei um Teile der japanischen Combined Fleet handelte, welche nach dem Tod von Admiral Yamamoto nun von Admiral Koga befehligt wurde. Auf den Fotos konnten 4 Schlachtschiffe (darunter die Musashi, das Flaggschiff von Admiral Koga), 4 Flugzeugträger und 12 Kreuzer ausgemacht werden.

Grafik1Für das amerikanische Oberkommando war Truk bis zu diesem Zeitpunkt ein Objekt, über welches man praktisch nichts wusste. Admiral Marc Mitscher, Kommandant der Task Force 58, behauptete, dass alles, was er über Truk wüsste, er in National Geographic gelesen habe. Niemand aus der westlichen Welt hatte das Atoll seit der Abschottung durch die Japaner vor fünfundzwanzig Jahren gesehen. Welche Strategie sollten US-Militärplaner nun gegen Truk einsetzen? Nach den hohen Verlusten bei der Landung auf Tarawa, bei der über 1000 Marinesoldaten getötet wurden und über 2200 verwundet, musste eine neue Taktik her: Truk sollte aus der Luft zerstört, von allen Nachschubwegen isoliert und anschliessend links liegen gelassen werden. Im Januar 1944 planten der Marinestab eine zwei Tage andauernde Luftattacke mit dem Codenamen Hailstorm.

Grafik6Von den Marshall Inseln beorderte Admiral Raymond Spruance 6 Schlachtschiffe, 10 Kreuzer, 9 Flugzeugträger und 30 eskortierende Zerstörer der Task Force 58 ca. 60 Meilen nordwestlich vor Truk. Der Angriff auf Truk ging als ein Meilenstein in die Geschichte der amerikanischen Militärstrategie ein: Erstmals sollten strategische Ziele des Gegners durch massive Angriffe aus der Luft, ohne den Einsatz von landgestützten Fliegerstaffeln und ohne anschliessende Invasion durch amphibischer Kräfte, nachhaltig zerstört werden.

Nach einem kurzen Anflug über die ruhige See konnte Commander William Kane, der Anführer der ersten Angriffswelle, den westlichen Korallenring der Lagune und die dahinterliegenden Insel Moen und Dublon sehen. Zwischen den Inseln lagen viele Schiffe vor Anker, doch so sehr er seine Augen auch anstrengte, er konnte keines der grossen Schlachtschiffe oder einen der erhofften japanischen Flugzeugträger ausmachen. Die Japaner hatten den Flottenverband bereits eine Woche zuvor nach Palau verlegt. William Kane gab das Zeichen zum Angriff und drückte seine Hellcat in Richtung auf den Flugplatz von Eten um die dort neben der Piste am Boden aufgereihten japanischen Jäger vom Typ Zero zu zerstören, während sich eine zweite Welle von TBF Avenger Torpedobombern und die SBD Dauntless auf die vor Anker liegenden Schiffe stürzten.

Grafik2Zweieinhalb Tage flogen die Piloten Angriff auf Angriff und am Ende lagen 40 japanische Schiffe auf dem Grund der Lagune, was geschätzten 200'000 BRT japanischem Schiffsraum entsprach. Auf den umliegenden Flugfeldern war keines der 265 stationierten Maschinen mehr flugfähig, die Pisten sahen aus wie Kraterlandschaften und auch die restliche Infrastruktur der Inseln war stark in Mitleidenschaft gezogen. Der Streich gegen Truk war eine der erfolgreichsten Marineoperationen des Krieges. Mehr als 490 Tonnen Bomben und Torpedos wurden auf Schiffe, Flugplätze und Landinstallationen abgeworfen. Die amerikanischen Verluste waren sehr gering, gingen doch nur 25 Flugzeuge verloren und wurden nur 40 Soldaten getötet. Dem japanischen Flottenstützpunkt von Truk war durch die Zerstörung der gesamten Infrastruktur die Daseinsberechtigung entzogen worden.

Truk heute

Grafik8Truk, oder Chuuk, wie es heute heisst, bildet zusammen mit Kosrae, Pohnpei und Yap die Föderation der Staaten von Mikronesien. Die Inseln des Atolls umfassen insgesamt 127 km2 und hatten 1993 eine Einwohnerzahl von ca. 130'000. Zu erreichen ist Truk mit Flugzeugen der Air Micronesia, einer Tochter der Continental, von Honolulu oder Manila/Guam aus. Der Flug wird auch Island Hopper genannt, weil er zwischen Hawaii und den Philippinen in insgesamt 8 Inselstaaten Halt macht. Fans von Starts und Landungen sei diese Route wärmstens empfohlen.

Als ich 1990 auf Truk eintraf, wurde immer noch die alte japanische Piste im Norden von Moen als Flugplatz benutzt. An touristischer Infrastruktur gab es ein Hotel mit internationalem Standard, eine Pension und einige einheimische Guesthouses. Zwei Tauchshops boten Ausfahrten zu den in der Lagune liegenden Wracks an: Micronesia Aquatics und der Blue Lagoon Dive Shop von Kimiuo Aisek. Ich wählte den Blue Lagoon Dive Shop, weil dieses Unternehmen als erstes Tauchen auf Truk anbot. Kimiuo Aisek, der Besitzer, erlebte die Okkupation der Japaner und den amerikanischen Angriff 1944 als kleiner Bub und half in den siebziger Jahren bei der Kartografierung der Wracks. Getaucht wurde von kleinen Sportbooten aus in Gruppen von 4-6 Personen unter Führung eines Tauchguides. 

Grafik3Die Wracks lagen in Tiefen zwischen einem und sechzig Metern im geschützen Wasser der Lagune, und sie waren die lange Anreise wirklich wert. Die Grösse der Schiffe überstieg mein damaliges Vorstellungsvermögen. Es war unmöglich Bug und Heck in einem Blick zu erfassen, zu immens waren die Ausmasse. Bei jedem Tauchgang konnte nur ein kleiner Abschnitt besucht werden, doch was es dabei zu sehen gab, ist mir nachhaltig in Erinnerung geblieben. Die Schiffe hatten sich in den 45 Jahren, die sie in den geschützten Wassern der Lagune lagen, in verwinkelte, unwirkliche Riffe von märchenhafter Schönheit verwandelt. Wer erwartete, hier nur rostigen Eisenschrott vorzufinden, wurde positiv überrascht. Auf jedem Zentimeter der Schiffskörper wimmelte es nur so von Leben. Schwämme, Algen und Korallen kämpften um die besten Plätze. Reling, Poller, Lufthutzen waren unter dem Bewuchs fast nicht mehr zu erkennen und herunterhängende Tampen und Ketten hatten sich in dicke Korallenbrücken verwandelt, in denen Tausende von Fahnenbarsche eine Heimat gefunden hatten.

Grafik4Nur die Fracht in den vielen noch zugänglichen Laderäumen erinnerte an die Bestimmung der Schiffe zur Sicherung des Nachschubs für eine todbringende Armee. In den Bäuchen findet man immer noch Ausrüstungsgegenstände für die japanischen Truppen, wie Kisten mit Stiefeln und Gasmasken, Geschirr und Besteck für die Garnison von Truk, Fahrräder, Lastwagen und andere Fahrzeuge, Flugzeugteile für die stationierten japanischen Jäger. Aber auch brisante Fracht, wie Munition aller Kaliber, darunter auch 46 cm Granaten für die Schlachtschiffe Musashi und Yamato, die diese tonnenschwere Geschosse über 20 km weit schiessen konnten, Seeminen und Torpedos zum Aufmunitionieren der U-Boote und ab und zu auch die sterblichen Überreste der unglücklichen Seeleuten, die den Angriff mit ihrem Leben bezahlen mussten.

Für mich ist die Reise zu den Wracks von Truk Lagoon ein unvergessliches Erlebnis geblieben. Nach all dem Kampflärm, dem Heulen der Motoren der angreifenden Bomber, dem Dröhnen der Explosionen der einschlagenden Bomben und Torpedos und dem knattern der Maschinengewehre und der Flabkanonen der angegriffenen Schiffe, herrscht unter Wasser bei den Wracks nun eine tiefe Stille. Wie Phönix aus der Asche scheinen sie für uns wieder auferstanden zu sein, in einem neuen phantastischen Kleid, grösser und schöner als jemals zuvor.


Quellen:

Textquellen: Hailstorm over Truk Lagoon Lindemann Klaus ISBN: 981-00-2968-3
Shipwrecks of Truk Rosenberg Philip Alan
WWII Wrecks
of the Kwajalein and Truk Lagoons
Bailey Dan E. ISBN: 0-911615-6
Bildquellen: Shipwrecks of Truk Rosenberg Philip Alan
Diasammlung Schmid Hans-Peter

Autor: Hanspi Schmid