Operation Crossroad


von Hans-Peter Schmid
Am 1. Juli 1946 erschütterte eine noch nie dagewesene Explosion ein einsames Atoll mitten im Pazifik. Eine unheimliche Wolke, geformt, wie ein riesiger Pilz, strebte mit grosser Geschwindigkeit der Stratosphäre zu. Ein grossartiges Naturschauspiel, jedoch gemacht von Menschenhand, dessen zerstörerischer Gewalt und tödlichem Potential sich die Menschheit erst seit knapp einem Jahr bewusst war.

Der Baker Test
Der Baker Test

Es begann im Jahre 1942. Der zweite Weltkrieg war voll im Gange. Auf den Schlachtfeldern im Pazifik versuchten alliierte Truppenverbände Amerikas, Englands und Australiens die Vormachtstellung Japans unter grossen Opfern zu brechen und den Aggressor zurück ins Mutterland zu zwingen. Die Fortschritte stellten sich nur sehr langsam und zäh ein und mussten mit grossen Verlusten erkämpft werden. Es musste eine Waffe her, die das japanische Volk so demotivieren konnte, dass die einzig gangbare alternative für Japan die bedingungslose Kapitulation war.

Im Jahre 1942 begann ein Team aus Wissenschaftlern, Militärs und Technikern unter der Leitung von Robert Oppenheimer und Gen. Leslie R. Groves mit der Entwicklung einer solchen Waffe. Neun Jahre zuvor war die erste künstliche Atomspaltung gelungen und genau diese Technologie sollte nun die gewünschte Superwaffe liefern. Nur drei Jahre später, am 16. Juli 1945, erhellte ein Blitz, so hell und heiss, wie die Sonne, die Einsamkeit der Wüste von New Mexico. Die Explosion von Trinity, der ersten Plutoniumbombe, läutete das Atomzeitalter ein.

Einundzwanzig Tage später, am 6. August 1945, hob ein einsamer Bomber des Typs B-29 Superfortress vom Flugfeld der Marianeninsel Tinian ab. Das Flugzeug mit dem Namen ENOLA GAY hatte eine geheime Fracht an Bord und sein Ziel war Hiroshima, eine Hafenstadt am südwestlichen Ende der Insel Honshu. Am 6. August 1945 um 08:15 Uhr morgens klinkte der Pilot Gen.Lt. Tibbetts seine tödliche Fracht, eine Bombe aus angereichertem Uran mit dem Codenamen Big Boy, über der Stadt aus. Sekunden später ging über Hiroshima eine zweite Sonne auf; eine Sonne, die Tod und Vernichtung über die Stadt brachte und 70'000 Einwohner sofort tötete. Weit mehr Opfer sollten jedoch an den Folgen der radioaktiven Verseuchung in den nächsten Jahren sterben, so dass die genaue Zahl der Opfer nie beziffert werden konnte.

Nur 3 Tage später, am 9. August 1945, erfüllte sich das Schicksal auch für Nagasaki. Die Stadt wurde von Fat Man, einer Plutoniumbombe mit der doppelten Sprengkraft der Hiroshimabombe, dem Erdboden gleichgemacht und vierzigtausend Menschen starben sofort, obwohl die Bombe aufgrund eines Navigationsfehlers das Zentrum der Stadt verfehlte und in einem Seitental explodierte.

Die verheerenden Abwürfe auf Hiroshima und Nagasaki, die noch nie dagewesene Kraft der Zerstörung und die grosse Zahl der Opfer veranlassten Japan am 2. September 1945 zur Kapitulation. Das angestrebte Ziel war also erreicht worden.

USS Saratoga CV-3)
USS Saratoga (CV-3)

Amerika war nun zur Atommacht aufgestiegen, mit einer Waffe, deren Wirkung man zwar eindrucksvoll demonstriert hatte, über deren taktischen Wert man allerdings so gut wie nichts wusste. Es mussten Versuche her, die wissenschaftlich fundierte Ergebnisse liefern konnten, nach der Frage des Einsatzes und der zu erwartenden Wirkung des Einsatzes einer solchen Waffe. Insbesondere die amerikanische Navy wollte Versuche zum Einsatz von Nuklearwaffen auf Schiffsziele machen. Schnell war ein geeigneter Ort für ein solches Vorhaben gefunden: das Bikini Atoll mitten im Pazifik und weit weg vom Heimatland Amerika. Die Bewohner wurden mit leeren Versprechungen und Unwahrheiten dazu gebracht, in das Vorhaben einzuwilligen und ihre Heimat für ein Butterbrot an Entschädigung dem "guten Zweck" zur Verfügung zu stellen.

USS Arkansas (BB-33)
USS Arkansas (BB-33)

Nach der Evakuation der bewohnten Insel des Atolls startete das Unternehmen Crossroad: Insgesamt 94 Schiffe wurden nach Bikini gebracht und an vorher festgelegten Positionen verankert. Darunter waren altgediente Kriegsveteranen, wie das Schlachtschiff Arkansas (BB-33), der Flugzeugträger Saratoga (CV-3), die U-Boote Apogon (SS-308) und Pilotfish (SS-386), etliche Zerstörer, Transporter und alle Typen von Landungsbooten, aber auch Beuteschiffe, wie der deutsche Schwere Kreuzer Prinz Eugen oder das japanische Schlachtschiff Nagato. Zwei Versuche waren angesetzt: die erste Bombe mit dem Namen Abel sollte über der Flotte in der Luft explodieren, die zweite, Baker, unter Wasser in einer Tiefe von 30m Metern. Am 1. Juli 1946 brachte eine B-29 Superfortress die Bombe für den Abel Test auf eine Höhe von rund 10'000 Meter und klinkte sie über der Flotte aus. Um 08:59 Uhr zerriss eine mächtige Detonation die Stille und den Frieden über Bikini. Durch einen Navigationsfehler war die Bombe aber nicht am geplanten Punkt abgeworfen worden, sondern ca. 700 Meter westlich davon entfernt. Die Wirkung auf die Schiffsziele war für die Militärexperten enttäuschend. Praktisch die ganze Flotte schwamm noch und die meisten Schiffe wiesen nur oberflächliche Beschädigungen auf. Nur Schiffe, die sich unmittelbar im Epizentrum der Explosion befunden hatten, wie der Attack-Transporter Gilliam (APA-57) wurden praktisch in ihre Bestandteile zerlegt und unmittelbar versenkt. Die Wirkung der Druckwelle schien über der weiten Meeresoberfläche verpufft zu sein.

Wrack der Prinz Eugen
Wrack der Prinz Eugen in Kwajalein

Die Schiffe, die nach der Explosion dem radioaktiven Fallout ausgesetzt und verseucht waren, wurden in heute abenteuerlich wirkender Manier mit Wasserschlauch und Wurzelbürste "dekontaminiert" und für den zweiten Versuch bereit gemacht. Diesmal sollte die Explosion unter der Wasseroberfläche erfolgen und eine Flutwelle auslösen. Am 25. Juli 1946 um 08:35 Uhr lösten modulierte Tonsignale die Zündung aus. Eine riesige Säule aus einer Million Tonnen verdampftem Wasser und pulverisiertem Korallengestein stieg zwischen den vertäuten Schiffen auf und bildete den typischen Pilz einer Atomexplosion. Die Flutwelle war so gross, dass die Schiffe, die sich in unmittelbarer Nähe des Epizentrums befanden, praktisch unmittelbar unter Wasser gedrückt wurden. Die Wirkung der Bombe war diesmal verheerend: Das Schlachtschiff Arkansas (BB-33) mit einer Länge von rund 170 Meter und einer Verdrängung von rund 32'000 Tonnen sank in sage und schreibe einer Sekunde. Nur wenige der Schiffe überstanden beide Tests und blieben schwimmfähig. Eines von ihnen war der deutsche Schwere Kreuzer Prinz Eugen. Antriebslos treibend und schwer verstrahlt, wurde das Schiff ins Nachbaratoll Kwajalein geschleppt und dort vor der Insel Ebu vertäut. Da man nicht so recht wusste, was mit dem Schiff anzufangen, blieb es dort liegen, bis es 22. Dezember 1946 in einem Sturm kenterte und sank. Noch heute liegt es am selben Platz auf dem Riff: das Heck mit Ruder und Schrauben aus dem Wasser, den Bug auf 30 Meter Wassertiefe.

USS Apogon (SS-308)
USS Apogon (SS-308)

Heute, gut 40 Jahre nach dem letzten von insgesamt 23 Atombombenversuchen auf Bikini, wurden die Wracks durch den U.S. National Parc Service freigegeben und können betaucht werden. Die grössten Attraktionen sind wohl der Flugzeugträger Saratoga CV-3 (ca. 270m, 33'000 BRT), die Schlachtschiffe Arkansas BB-33 (ca. 170m, 31'900 BRT) und Nagato (ca. 215m, 38'500 BRT), der Zerstörer Lamson DD-367 (ca. 104m, 1'500 BRT), der japanische Kreuzer Sakawa (ca. 160m, 6'650 BRT), das U-Boot Apogon SS-308 (ca. 95m, 1'525 BRT) und etliche weitere kleinere und grössere Wasserfahrzeuge.

12,7 cm Turm USS Saratoga
12,7 cm Turm USS Saratoga

USS Saratoga ist der einzige betauchbare Flugzeugträger der Welt und steht aufrecht auf ebenem Sandboden, die Schrauben in 52m Tiefe halb im Sandboden vergraben. Das 270 Meter lange Flugdeck liegt auf ca. 30m, der obere Teil der Kommandobrücke auf ca. 13m. Die Dimensionen des Schiffes sind wirklich gewaltig. Von den Aufbauten stehen noch alle gepanzerten Teile, wie die 12,7 cm Zwillingsgeschütztürme und der Aufbau der Kommandobrücke. Der für den Flugzeugträger so typische Schornsteinaufbau wurde vollständig weggeblasen, es sind nur noch die Schlote als grosse schwarze Schachtlöcher am Rande des Flugdecks zu erkennen. In der Mitte des Flugdecks erkennt man beim Abtauchen den Flugzeugaufzug als grosses, dunkles, rechteckiges Loch. Taucht man dort hinein, gelangt man in den Flugzeughangar, indem immer noch ein TBF Avenger Torpedobomber und zwei F6F Hellcat Jagdflugzeuge stehen, voll aufmunitioniert, da man die Wirkung der Bombe auf bereitgestellte Munition erfahren wollte. Durch einen grossen Riss im Flugdeck gelangt man wieder aus dem Schiffsrumpf um als nächstes die seitlich am Schiff angebrachten Kanzeln mit den Flugabwehrgeschützen (7,5 cm und 40 mm Bofors) zu erkunden. Auf dem Flugdeck verteilt stehen noch die Rohrtürme an denen die Kupferplatten angebracht waren, die den Detonationsdruck der Explosion messen sollten, Die Rohrgestelle sind durch die Hitze und die Druckwelle bizarr verbogen. Einen weiteren Eindruck von der Kraft der Detonation erhält man, wenn man an der der Explosion zugewandten Rumpfseite entlangtaucht. Die zentimeterdicken Stahlplatten sehen hier aus, wie Staniolpapier, das erst zerknüllt und anschliessend provisorisch wieder glattgestrichen wurde. Grosse Spalten klaffen zwischen den Platten, was wohl der Grund für das Sinken des Schiffes durch Eindringen von Wasser war.

Eine knappe halbe Stunde sind wir nun schon unten und ein Blick auf den Aladin zeigt, dass es höchste Zeit zum Auftauchen ist. Etwa 45 Minuten werde ich für die Dekompression benötigen, die erste Stufe bei 12m.

Antriebsschraube Nagato
Antriebsschraube der Nagato

Ein weiteres interessantes Wrack ist das japanische Schlachtschiff Nagato. Das Schiff liegt kieloben auf ebenem Sandgrund von maximal 52 Meter Wassertiefe. Die Brücke und die verbliebenen Aufbauten sind beim Kentern und anschliessendem Aufschlag auf den Grund weggebrochen und liegen auf der rechten Seite des Wracks auf dem Grund. Am Vorderteil des Schiffes, zwischen den beiden Doppelgeschütztürmen der Hauptartillerie, gibt es eine kleine Senke im Meeresboden, so dass es in diesem Bereich möglich ist, an den imposanten Geschützrohren vom Kaliber 40,6 cm vorbei, unter dem Wrack hindurchzutauchen. Die dort vorhandenen Poller und die Geschützrohre sind dicht mit Drahtkorallen bewachsen, die, wegen der Kopflage des Schiffes, in die falsche Richtung zu wachsen scheinen und so eine unwirkliche Kulisse für den Tauchgang bilden. Taucht man anschliessend an der Schiffshülle langsam auf, sieht man plötzlich drei riesige Objekte, die sich gegen die hellere Wasseroberfläche abzuzeichnen beginnen. Es sind die drei grossen Antriebsschrauben des Schlachtschiffes, die mit mehr als doppelter Mannshöhe wirklich zyklopische Ausmasse haben.

Die USS Arkansas ist in etwa der gleichen manier gesunken, wie die Nagato. Auch dieses Schlachtschiff liegt, aufgrund des Gewichtes der Aufbauten, Panzerung und Geschützen, kieloben auf dem Grund der Lagune. Die Geschütztürme der Hauptartillerie sind bei diesem Schiff fast vollständig im Sand vergraben. Nur an einer Stelle ist noch ein Rohr der 30,5 cm Doppeltürme zu sehen. Gut zugänglich sind hingegen die in Kasematten eingebetteten 12,7 cm Geschütze der Seitenartillerie des Schiffes. Darüber wölbt sich der mächtige Rumpf mit den Stabilisatoren und den Öffnungen der Flutventile. Das Heck des Schiffes ist von der Wucht der Bombe arg demoliert. Die Antriebsschrauben wurden samt Wellen weggerissen und liegen in einiger Entfernung auf dem Grund.

USS Apogon ist das Wrack eines fast vollständig erhaltenen 95 Meter langen U-Bootes der Balao Klasse. Die Bewaffnung bestand aus 10 Torpedorohren des Kalibers 21 Zoll (sechs am Bug und vier am Heck), einem 12,7 cm Geschütz auf dem Vordeck (wurde für die Tests auf Bikini demontiert), einer 40 mm Bofors AA-Kanone und einer 20 mm Oerlikon AA-Kanone auf den Turmkanzeln. Das Schiff wurde nach der Fischfamilie der Apogoniden (Kardinalsfische , zu der auch die Glasfische gehören) benannt. Heute liegt das Boot auf etwa 45 Meter Tiefe aufrecht auf dem Grund der Lagune, bewachsen mit Drahtkorallen und bevölkert von zigtausenden von Glasfischen, die ihm seinen Namen Apogon gaben.

Am Ende eines solchen Tauchgangs hat die Natur, die Physik und die Physiologie die Dekozeit gesetzt. Tauchgänge mit einer Durchschnittstauchtiefe von mehr als 30 Metern sind immer Dekotauchgänge und in Bikini ist praktisch jeder Tauchgang ein Dekotauchgang. Dekozeiten von 30 bis 45 Minuten gelten hier als normal. Zur Sicherheit der Taucher wird daher vom Tauchveranstalter Marshalls Dive Adventures ein recht grosser Aufwand betrieben. Vor jedem Tauchgang wird ein ausführliches Briefing durchgeführt. Eindringen in die Wracks ist nur mit einem Höhlentauchbrevet und entsprechender Ausrüstung, wie redundante Luftversorgung, Lampen, Helm und einer Führungsleine möglich. Ab Dekostufe 6 Meter wechselt man, zur Unterstützung der Stickstoffausscheidung, auf 80 prozentigen Sauerstoff, der an langen Schläuchen vom Tauchschiff zu den Tauchern gebracht wird. Die Dekozeiten liefert aber weiterhin der auf Luft eingestellte Tauchcomputer, so dass hier ein grosses Sicherheitspolster geschaffen wird. Fabio, unser brasilianischer Tauchguide bestätigte mir, dass durch diese Massnahmen seit der Aufnahme des Tauchbetriebs vor einem Jahr (ich war 1998 in Bikini) noch nie ein Problem mit Dekoerkrankungen aufgetreten ist.

Dekostop
Dekostop nach den Wracktauchgängen

Die Tauchwoche auf Bikini ist sicher eines der letzen Tauchabenteuer unserer Zeit. Die grossen Schiffe in der Lagune sind für Wrackliebhaber und für erfahrene Taucher eine echte Herausforderung, wobei das Risiko, dank der sehr professionelle Durchführung der Tauchgänge, auf ein minimum begrenzt wurde. Schiffe in dieser Vielzahl und Grösse in einem solch exzellenten und ungeplünderten Zustand sind wohl an keinem anderen Ort auf der Welt zu betauchen.


Quellen:

Textquellen: The Archeology of the Atomic Bomb U.S. National Park Service
Ghost Fleet Delgado James P. ISBN: 0-8248-1864-4
Bildquellen: Diasammlung Schmid Hans-Peter
The Bikini Atoll Home Page

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Autor: Hanspi Schmid

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